Innovation-Aktuell
Die frühe Innovationsphase
Methoden und Strategien für die Vorentwicklung     
Von Zukunftsforschern lernen
 
Enno Däneke; Heiko von der Gracht
 

Das Wettbewerbstempo nimmt zu. Damit gewinnt auch die Früherkennung von Zukunftsmärkten an Bedeutung. Durch den Einsatz von Techniken der Zukunftsforschung können sich Unternehmen »ein Stück Zukunft« ins Haus holen und so einen Vorsprung im Wettlauf der Innovationen erzielen.


In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • warum Zukunftsforschung im Innovationsmanagement helfen kann,
  • welche verschieden Sichtweisen auf die Zukunft Sie dabei unterscheiden müssen,
  • welche Techniken der Zukunftsforschung sich im Innovationsmanagement nutzen lassen.

 

Einführung

Zukunftsorientierung im Innovationsmanagement

Die zunehmende Dynamik und die steigende Wettbewerbsintensität der globalen Märkte stellen große Herausforderungen an Unternehmen und ihr Management, die es erfordern, zukünftige Chancen und Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Um seine Marktposition zu behaupten oder zu verbessern, muss ein Unternehmen Innovationspotenziale und Zukunftsmärkte früher erkennen als seine Konkurrenz. Sich schneller als der Wettbewerb auf Veränderungen einzustellen und Innovationen vor der Konkurrenz einzuführen ist entscheidend, um einen Vorsprung im Wettlauf der Innovationen zu erzielen. Es ist notwendig, »die Zukunft« systematisch in den Innovationsprozess einfließen zu lassen. Techniken der Zukunftsforschung können hier einen entscheidenden Vorteil bringen.

In der Zukunftsforschung, die in ihrer heutigen Form ihre Ursprünge in den 1950er Jahren hat und anfangs hauptsächlich in geopolitischen Bereichen Anwendung fand, wurde eine Vielzahl von Techniken und Methoden zur systematischen Analyse der Zukunft entwickelt. Diese Techniken und Methoden dienen dabei selbstverständlich weniger dem Vorhersagen der Zukunft, sondern vielmehr einer kritischen Analyse von Trends, Entwicklungen und potenziellen Ereignissen. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, sondern gestaltbar.

Zukunftsforschung kann im Innovationsmanagement insbesondere an drei Punkten einen wertvollen Beitrag leisten:

  • Einschätzung der wahrscheinlichen Entwicklungen und der Bedeutung wichtiger Zukunftsfaktoren: Obwohl die Zukunft nicht vorhersehbar ist, können Annahmen getroffen werden, wie sich wichtige Zukunftsfaktoren Trends, Technologien und Themen der Zukunft wahrscheinlich entwickeln werden und welche Auswirkungen sie wahrscheinlich auf den Markt und die Kundenbedürfnisse haben werden. Diese Annahmen geben einen Orientierungsrahmen, in dem sich die Innovationsarbeit im Unternehmen sinnvoller Weise bewegen sollte.
  • Berücksichtigung möglicher Überraschungen, extremer Entwicklungen und Wildcards: Das einzige sichere in der Zukunft ist, dass sie uns überraschen wird. Vor diesem Hintergrund sollten mögliche »Wildcards« überraschende Ereignisse und Entwicklungen außerhalb der üblichen Erwartungen gezielt er- und durchdacht werden, um entwickelte Innovationen »zukunftsrobuster« zu machen.
  • Entwicklung von Innovationen aus den erkannten Entwicklungen: Neben der oben genannten Orientierungsfunktion lassen sich erkannte Zukunftsfaktoren auch direkt zur kreativen Entwicklung von Innovationen und Zukunftsmärkten nutzen. Getreu dem Motto: »Der beste Weg die Zukunft vorherzusagen ist, sie zu gestalten.«

Was ist Zukunftsforschung?

Der moderne Ansatz der langfristigen Zukunftsforschung entstand in der Folge des Zweiten Weltkrieges sowie vor dem Hintergrund des heraufziehenden Kalten Krieges. Ein Großteil der noch heute im Einsatz befindlichen Methoden geht auf die 1945 in den USA gegründete RANDCorporation zurück. Ihr Ziel war es, im sich anbahnenden militärischen Wettlauf einen Vorsprung gegenüber der UdSSR zu sichern, indem zukünftige Entwicklungen antizipiert werden sollten. Dieser Hintergrund erklärt die geopolitische Ausrichtung der wichtigen Zukunftstechniken wie Szenario- und Delphi-Studien.

In den 1960er und 1970er Jahren wurde diese Blickrichtung um eine gesellschaftliche und globalpolitische Dimension ergänzt. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren durchlief die Zukunftsforschung eine Krise, verursacht durch zahlreiche fehlerhafte Prognosen während der Ölkrisen und der wirtschaftlichen Abkühlung dieser Periode.

Der heilsame Effekt der Krise war, dass sich die seriöse Zukunftsforschung endgültig von dem Wunsch verabschiedete, die Zukunft vorherzusagen. Stattdessen konzentriert sie sich heute darauf, mögliche und wahrscheinliche zukünftige Entwicklungen zu durchdenken, um sich darauf vorzubereiten. Im Fokus stehen dabei mögliche Risiken und die Erkennung von Chancen.

Zukunftsmanagement als unternehmerische Zukunftsforschung

Was ist Zukunftsmanagement?

Um erfolgreich zu sein, müssen sich Unternehmen schneller als ihre Wettbewerber auf Veränderungen einstellen, Chancen früher erkennen und Innovationen schneller umsetzen. Zukunftsmanagement hilft als unternehmerische Zukunftsforschung, diese Ziele zu erreichen. Es baut gewissermaßen die Brücke von der Welt der Unternehmen in die Welt der Zukunftsforschung und wieder zurück.

Die Techniken und Methoden der Zukunftsforschung dienen dabei einer kritischen Analyse von Trends, Entwicklungen und potenziellen Ereignissen in der Zukunft.

Das Eltviller Modell für Zukunftsmanagement

Überblick

Um die Techniken der Zukunftsforschung effektiv und effizient im Unternehmen zu nutzen, benötigt es eines methodischen Rahmens. Das Eltviller Modell für Zukunftsmanagement nach Mii [1] hat sich dabei als besonders geeignet erwiesen. Das Eltviller Modell schafft einen gemeinsamen Denk- und Diskussionsrahmen, ist dabei aber offen für die Nutzung verschiedener Techniken der Zukunftsforschung. Sein Kern ist die Unterscheidung der fünf typischen Sichtweisen auf die Zukunft, die zur besseren Unterscheidung mit verschiedenfarbigen Brillen gekennzeichnet sind:

  • Blaue Zukunftsbrille: Die wahrscheinliche Zukunft in Form von Annahmen.
  • Grüne Zukunftsbrille: Die gestaltbare Zukunft in Form von Chancen.
  • Gelbe Zukunftsbrille: Die gewünschte Zukunft in Form einer Vision.
  • Rote Zukunftsbrille: Die unerwartete Zukunft in Form von Überraschungen.
  • Violette Zukunftsbrille: Die geschaffene Zukunft in Form von Strategien.

Abb. 1:

Die fünf Sichtweisen auf die Zukunft nach dem Eltviller Modell für Zukunftsmanagement Quelle: [1], S. 11

Passive und aktive Grundhaltung gegenüber der Zukunft

Die fünf Sichtweisen entsprechen zwei Grundhaltungen gegenüber der Zukunft:

  • Die passive Haltung fragt: »Was kommt in der Zukunft auf uns zu?« Sie umfasst die blaue Sicht auf Annahmen der wahrscheinlichen Zukunft sowie die rote Sicht auf mögliche Überraschungen außerhalb dieser Erwartungen.
  • Die aktive Haltung fragt: »Wie können wir die Zukunft gestalten?«Sie beinhaltet die grüne Sicht Welche Chancen können wir prinzipiell ergreifen?, die gelbe Sicht der Entscheidung Welche Vision wollen wir wann in der Zukunft erreichen? sowie die violette Sicht der Strategie Was unternehmen wir konkret, um unsere gesetzten Ziele zu erreichen?.

Beide Grundhaltungen sind miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig, da wir die Entscheidungen über unsere aktive Gestaltung der Zukunft auf unseren Annahmen über zukünftige Entwicklungen gründen. Gleichzeitig beeinflussen wir durch unsere Taten den Lauf der Welt, zumindest in unserem Einflussbereich, entscheidend mit.

Die fünf Sichtweisen und Zukunftsbrillen1. Die wahrscheinliche Zukunft blaue Zukunftsbrille

Die blaue Sichtweise untersucht die wahrscheinliche Zukunft. Die vorhandenen Informationen über Trends, Technologien und Themen, die die zukünftige Entwicklung beeinflussen, werden hier kritisch analysiert, um ein möglichst klares Bild zu erlangen, wie sich das Umfeld des Unternehmens voraussichtlich entwickelt. Die Sicht ist hier passiv, beobachtend und distanziert. Es geht weder um mögliche Handlungsoptionen noch um Wünsche oder Vorlieben für die eigene Zukunft. Die blaue Sichtweise gibt Antworten auf Fragen nach zukünftig einsetzbaren Technologien und Methoden, Veränderungen der Kundenbedürfnisse sowie den zukünftigen Rahmenbedingungen in politischer, wirtschaftlicher und soziokultureller Hinsicht. Selbstverständlich kann die Zukunft hier nicht vorausgesagt werden. Die persönlichen Annahmen, beziehungsweise die Annahmen des Managements, werden in dieser Phase jedoch offen gelegt, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln überprüft und können gegebenenfalls angepasst werden. Durch diesen Prozess werden die allen Entscheidungen zugrunde liegenden Zukunftsannahmen transparent, überprüfbar und in ihrer Qualität verbessert.

2. Die gestaltbare Zukunft grüne Zukunftsbrille

Die grüne Sichtweise untersucht, welche Handlungsoptionen einem Unternehmen zur Verfügung stehen. Sie fragt, welche Innovationen angesichts der erwarteten Entwicklungen blaue Sichtweise erdacht werden können. Hier werden die Chancen im Sinne denkbarer Innovationen und Zukunftsmärkte aus den zuvor eingeschätzten Entwicklungen abgeleitet. Darüber hinaus werden Kreativtechniken eingesetzt, um weitere Chancen zu identifizieren. Ziel ist, den Horizont zu erweitern und über den Tellerrand hinauszuschauen, da hierdurch das Entwicklungspotenzial des Unternehmens gesteigert werden kann. Eine Bewertung der Optionen erfolgt in dieser Phase bewusst noch nicht.


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Enno Däneke

Enno Däneke ist Projektleiter bei der FutureManagementGroup AG. Sein Schwerpunkt liegt auf Projekten zur Identifikation von Zukunftsmärkten. Daneben leitet er das FutureRadar-Team der FutureManagementGroup AG. Enno Däneke ist Diplom-Betriebswirt in International Business mit Schwerpunkt Ostasien. Er studierte in Deutschland, Australien und China und schrieb seine Abschlussarbeit über den Einsatz von Methoden der Zukunftsforschung im strategischen Management.
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Dr. Heiko von der Gracht

Dr. Heiko von der Gracht ist Mitglied des Direktoriums des Supply Chain Management Institutes (SMI) der European Business School (EBS), eines der weltweit führenden Forschungsinstitute in den Bereichen Einkauf, Logistik und Supply Chain Management. Nach internationalen Management-Studiengängen mit Abschlüssen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien spezialisierte sich von der Gracht in seiner Promotion auf unternehmerische Zukunftsforschung, insbesondere Szenarien. Seine Arbeit wurden mehrfach für hohen Praxisnutzen und Innovativität ausgezeichnet und gewürdigt, u. a. beim Best Paper Award Innovation Management 2008 und dem Internationalen Deutschen Wissenschaftspreis Logistik 2008. Dr. von der Gracht blickt auf mehrere Jahre Berufserfahrung zurück, u. a. in einer führenden Supply Chain Beratung, mit Projekten im Dienstleistungssektor, produzierenden Gewerbe und Handel. Seit 1,5 Jahren ist Dr. von der Gracht Direktor des Centers für Zukunftsforschung und Wissensmanagement am SMI.
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