Wenn Hippies Unternehmer werden und es mit der sozialen Verantwortung ganz genau nehmen

Ich liebe Unternehmertypen. Echte „Entrepreneurs“ mit einer Vision (ich wiederhole mich, ich weiß). Aus diesem Grund musste ich nicht lange überlegen, ob ich der Einladung nach Hamburg folgte, die ich vom US Eiscreme Giganten Ben&Jerry erhielt. Man wolle eine große Sache bzgl. Nachhaltigkeit präsentieren und die legendären Gründer – Ben & Jerry – selbst werden dies übernehmen.

Am Flugzeug traf ich auch Milo Tesselaar – Gründer und Herausgeber vom Biorama Magazin – der aus dem selben Grund den Weg nach Hamburg antrat. Während des Hinflugs las ich mich etwas mehr in die Geschichte von Ben&Jerry ein – und schon diese ist zum Schmunzeln spannend. Da gründen zwei verrückte Kerle – die gemeinsam die Schulbank gedrückt hatten – nach Abbruch des Studiums einen kleinen Eissalon. Die zwei überzeugten Hippies Ben Cohen und Jerry Greenfield haben ganze 12.000 Euro Startkapital und legen los. Herrliches Storytelling, nicht?

Und in einem Punkt waren sich die beiden Hippies stets einig: Sie wollten ihr Geschäft nicht nur betreiben, um Geld zu verdienen, sondern um sich dabei gut zu fühlen. Denn wie Jerry sagt: „If it’s not fun, why do it?“ (Quelle: benjerry.com)

Einen Streit gab es dann doch, so erzählen die beiden älter gewordenen, symphytischen Kerle in Hamburg. Der Sturschädl Jerry bestand auf extra große Stücke (Nüsse, Kekse, etc.) im Eis. Ein Glücksfall für die weitere Geschichte, da gerade dies zum Unterscheidungsmerkmal und USP der Marke wurde.

Die weitere Geschichte klingt wie aus dem Lehrbuch für US-amerikanische Wirtschafts- Märchengeschichten. Der Laden wächst und wächst. Mit dem Spirit der beiden Gründer wird aus einem kleinen Salon ein Megakonzern. So groß, dass der Riese Unilever Interesse bekommt und Ben&Jerry 2000 für gut 326 Millionen Dollar kauft.

Doch auf die Übernahme ist einzigartig. Die beiden Gründer verhandeln geschickt und sichern die Autonomie von Ben&Jerry. Die einzige Marke des Unilever Konzerns mit diesem Privileg. Die beiden Gründer bleiben als Berater und „Influencer“ (wie es die beiden nennen) weiter im Spiel. Und: Sie bestehen auf die Beibehaltung des „Social Mission“ und dem hohen Qualitätsanspruch.

Die beiden initiieren schon früh eine Ben&Jerry Stiftung, die kleine NPOs in den USA mit finanziellen Mitteln unterstützt. Auch hier kommt Unilever dem Wunsch der Beiden nach und so fließen jährlich rund 1,1 Millionen Dollar vom Geschäftsgewinn in die Stiftung.

Doch damit nicht genug. Auch nach der Übernahme bringen die beiden Ben&Jerry auf Kurs. 2007 verkündet man die 100% klimaneutrale Produktion der Eiscreme. Man setzt auf glückliche Kühe und alternative Energiegewinnung.

Seit 2003 messen wir unseren Öko-Hufabdruck, von der grünen Energie in unseren Werken bis hin zu Caring Dairy – einem nachhaltigen Milchwirtschaftsprogramm, das die Bedürfnisse von unseren Milchkühen, unseren Farmern und unserem Planeten in Einklang bringt. Seit April 2007 sind alle unsere in Europa produzierten Sorten klimaneutral. (Quelle: BenJerry.com)

Doch zurück: Wozu der Aufwand einer Pressekonferenz in Hamburg? Kann Ben&Jerry da noch was nachlegen, in Sachen Nachhaltigkeit? Hamburg empfing uns ungemütlich kalt. Aber das passt ja zu Eis. Ganz allgemein.

Und ja, Sie können.

Mit Hamburg ist es nun offiziell. Nach dem Start der ersten Fairtrade Eissorte im Jahr 2006, wird Ben&Jerry bis 2011 seine GESAMTE PRODUKTION auf 100% Fair Trade umstellen. Ich bin begeistert. Das hat Signalwirkung.

Im gemütlichen Gespräch nach der Pressekonferenz vertieft sich der tolle Eindruck der beiden bei mir. Es sind jene gelassenen, immer lustigen Unternehmertypen, die man sich gern als Onkel (oder Mentor) wünscht. Man spürt ihr wahrhaftiges Interesse am Thema. So wichtig und richtig die Stiftung auch sei, so haben die beiden erkannt, dass sie vor allem dann – viel – in den armen Ländern bewirken können, wenn der Konzern selbst zum strategischen Einkäufer in Sachen Nachhaltigkeit wird. Die Massen sind enorm, die Auswirkungen auf die vielen Bauern (und deren Familien) am anderen Ende der Welt ebenso.

Auf meine Frage, ob die beiden in regen Austausch mit ähnlichen, unternehmerischen Changemakern wie Patagonia Gründer Yvon Chouinard stehen, werde ich allerdings enttäusch. Meine Utopie eines verschworenen Clubs von mächtigen Changemakern zerplatzt (*zwinker*). Aber da mag ich überdurchschnittlich süchtig nach Dialogen und dem Schmieden von neuen Projekten sein. Vielleicht kommt mit dem Alter die Ruhe?

Nach dem Treffen fahren wir – mit einem vollen Eis-Bauch – retour zum Flughafen, wo wir Ben&Jerry nochmals treffen, bevor diese nach Paris – zur nächsten Pressekonferenz – fliegen. Das Treffen hat mich berührt und inspiriert. Eine derartige Gründergeschichte beeindruckt. Während ich auf die Wolkendecke hinunter blicke, hoffe ich, dass weitere großen Unternehmen dem Beispiel folgen werden. Alles eine Frage des Charakters.

Ich verabschiede mich mit einem Zitat von T.H. Huxley, dass ich als sehr passend empfinde.

“Die Folgen unseres Handelns sind Vogelscheuchen für die Feigen und für die Weisen Strahlen des Lichts“

6 Kommentare

  1. Feine Geschichte. Besonders das mit dem Fair Trade Eis ist wie du bereits angeführt hast eine Aktion, die sehr große Vorbildwirkung hervorrufen könnte. Vielleicht produziert ja der Bortolotti auch schon bald mit fairen Produkten?

  2. Witzig – erst gestern habe ich mich ausführlich über “fairtrade” Schokolade informiert,nachdem ich im Supermarkt von nebenan, Schokoladentafeln verglichen habe und dabei diesen Aufdruck entedckt habe. Dabei ging es in erster Linie um die Erhaltung des Regenwalds,allerdings auch um Kleinbauern und deren Existenzgrundlagen.
    Der Bio-Grundgedanke ist ja auch wie hier der gleiche – ich finde es super,dass sowas im Gegensatz zu den ganzen Schmutz und Dreck GmbH´s so erfolgreich ist. Wenn ich das nächste Mal auf fairtrade aufmerksam werde, egal bei welchen Waren, werde ich die 20ct Preisaufschlag mit Freude bezahlen.

  3. das ist wirklich eine interessante Geschichte! Natürlich kannte ich bislang das Eis von Ben & Jerry, aber die Geschichte dahinter ist mir neu.

    Die soziale Verantwortung der beiden Jungs, die ökologische Weitsicht – das finde ich alles super! Aber: Das Gnze funktioniert nicht, weil sie Hippies sind, sondern weil sie Nerds sind… das ist positiv gemeint! Die Jungs machen einfach das beste Eis der Welt. Deshalb sind sie so erfolgreich. Und deshalb können sie ihre Hippie-Eigenschaften ausleben – und die Welt ein Stück besser machen, denke ich.

  4. Soziale Verantwortung kann jeder von uns übernehmen, und wenn es eben nur beim Einkauf ist.
    Aber natürlich haben “Größere” Menschen weitreichenderen Einfluss und ich finde es gut, dass sich der Gedanke der Nachhaltigkeit immer weiter durchsetzt und vor allem Präsent in den Köpfen der Menschen ist.

  5. Ich lese solche Beiträge für mein Leben gern, es ist einfach schön zu sehen, dass solche Konzepte aufgehen!
    Ich hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, mit Josef Zotter zu sprechen und er hat mich ähnlich inspiriert.

  6. Ja! Ich habe es doch immer gewusst, der Erfolg liegt im Hippie sein!

    Es kann auch sehr gut funktionieren sich um seine Umwelt, seine Mitmenschen und seinen Planeten zu kümmern. Schön soetwas zu lesen, ich wünsche allen Hippies nur das beste, macht weiter so.

    Peace, Love and Harmony
    Daniel

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